D | 2016 | Reportage | 26 Min. | Im Auftrag von Infonetwork

Sprache DEU Produktionsländer DEU

Buch & Regie Susanne Bohlmann Schnitt Susanne Bohlmann

Kamera Benjamin Gronau

TV Ausstrahlung 15|10|2018

Synopsis Die #metoo Bewegung ist in vollem Gange. Besonders Schauspieler/innen treten ins Licht und erzählen ihre Geschichten von Macht und Ohnmacht in der Branche. Denn hier werden besonders deutlich welche Strukturen dazu führen, dass Menschen ihre Position ausnutzen, um andere zu missbrauchen – in welcher Form auch immer. Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um ein vielschichtiges Gefüge, ein Machtapparat, der „funktioniert“ und über den niemand sprechen will.

Bis jetzt…

Der Traum Um zu verstehen, warum ausgerechnet Schauspieler so gut in die Opferrolle passen, muss man die Natur des Wunsches begreifen. Denn es ist nicht einfach nur eine Berufswahl – es ist ein Begehren. Der Körper ist das Kapital, welches angenommen oder abgelehnt wird. Jeder Regisseur, Caster, Agent, Produzent oder Redakteur kann die Lösung für die Erfüllung des Traumes sein und somit  ist Abhängigkeit ein essenzieller Bestandteil des Schauspielerlebens.

Der Agent Im letzten Jahr rief mich eine junge Schauspielerin an, der ich mit Bewerbungsmaterial geholfen hatte. Sie war völlig verunsichert und brauchte meine Meinung. Sie wäre von einem Schauspielagenten kontaktiert worden, der ihr „eine Chance“ geben wolle. Aber sie sollte mit ihm essen gehen und Probeaufnahmen machen, bei denen sie ein bestimmtes Kostüm tragen müsse. Das Verhalten des Agenten gab ihr ein Unwohlsein und sie wollte nun wissen, ob das in der Branche so üblich sei. Nein – war meine Antwort.

 

Nach ein paar schlaflosen Nächten über mein „Mitwissen“ beschloss etwas zu unternehmen. Hatte ich doch schon so viele solcher Geschichten gehört – nichts war greifbar, niemand wollte öffentlich dazu was sagen, keiner nannte Namen. Irgendwas muss sich ändern. Ich kontaktierte eine andere Schauspielerin, von der ich wusste, dass sie ebenfalls bei diesem Agenten unter Vertrag war. Sofort kam sie heraus mit erschreckenden Geschichten von Missbrauch ihrer Kolleginnen. Diese wollte nicht mit mir darüber sprechen. Aber sie hatten wohl mit anderen Profis aus der Branche darüber gesprochen. Warum tat niemand was? Warum schweigen alle? Je mehr ich recherchierte und in meinen Schauspielkontakten nachfragte, umso deutlicher wurde das Bild von einem Machtapparat, der Täter schützt und Opfer unterdrückt.

 

Der Test Doch wie kommen Schauspieler überhaut in eine solch hilflose Situation? Ich wollte den Agenten überführen. Aber ich brauchte jemanden, der sich auskennt und natürlich die finanziellen Mittel ein solches Unternehmen zu stemmen. Und es musste schnell gehen. Ich fand einen aufgeschlossenen und engagierten Redakteur eines TV Senders und dieser machte es möglich eine investigative Reportage zu produzieren.

 

Wir trafen  Alena – eine junge, hübsche Schauspielerin Mitte 20 – sie sollte unser Lockvogel werden. Nachdem sie den besagten Agenten angerufen hatte, lud er sie ebenfalls zu einem gemeinsamen Mittagessen ein. Bei diesem Termin löcherte er die junge Frau. Er fragte sie aus über ihr Privatleben, ihre Ängste und Kindheitserinnerungen. Was hatte das mit einer Geschäftsbeziehung zu tun? Auch machte er kein Hehl daraus, dass die meisten Casting-Agenten nun mal Männer seien, die „mit dem Schwanz“ entscheiden und deshalb wäre Alena eine gute Wahl. Natürlich wollte er auch direkt wissen, ob sie einen Freund hat, Narben oder Piercings und ob sie offen für „Bikini-Szenen“ sei. Dann griff er über den Tisch und nahm ihre Hände. Alena war das alles viel zu nah und zu persönlich. Der Agent betonte immer wieder wie viel man in seiner Agentur verdienen könne und beschrieb die Karriere einer seine Klientinnen.

 

Dann schickte ihr der Agent zwei Szenen für ein Probeshooting mit ihm. Er müsse ja nun wissen, wie man mit ihr arbeiten kann und auf welchem Stand sie ist. Erst dann kann er entscheiden, ob sie in seine Agentur

darf. Einer der beiden Szenen enthielt explizit eine Kostümangabe „Bluse – weiter Ausschnitt, kurzer Rock – keine Strumpfhose“. In dieser Szene wird beschrieben wie die Frau während des Textes die Beine spreizt. Natürlich ist dies absolut unüblich. Selbst bei großen Castings ist kein Kostüm erforderlich. Bei einem Telefonat zwischen Alena und dem Agenten, stellte er klar, warum ihm das Kostüm so wichtig sei – er müsse wissen wie sie mit nackten Beinen spiele und ob sie durchlässig und führbar ist. Er beschrieb ihr auch ganz genau wie sie die Knie zu öffnen habe.

 

Bei dem Probeshooting trafen sie sich in seiner Agentur. Als erstes machte er mit Alena einem schriftlichen Persönlichkeitstest. Zum Beispiel: „Fällt mir Widerspruch äußern a)leicht, b)nicht so leicht und c) schwer oder „Fällt mir unerwünschte Kontakte unterbinden a)leicht, b)nicht so leicht und c)schwer?“ Was wollte er damit testen? Dann ging es um die 1. Szene mit dem Minirock. Er verschloss die Tür und die Fenster mit der Erklärung sie wollten ja nicht gestört werde. Dann stellte die Kamera auf und richtete sie auf Alena, die im Minirock ohne Strumpfhose sich sichtlich unwohl fühlte. Kurz darauf holte er eine Schlafmaske heraus und setzte sie Alena auf. Dies würde ihrer Nervosität entgegen wirken. Nun war Alena mit einem fremden Mann eingeschlossen und saß blind im Minirock vor einer Kamera. Dies war eine unbehagliche Situation. Alena wusste in dieser Zeit (ca. 20 Minuten) nicht, was der Agent tat oder was er filmte. Wie in einer Hypnose befragte er Alena wie ihre Kindheit war, ob und wann sie sich wohl gefühlt hat und bat sie alles genau zu beschreiben.  In der Mittagspause ging der Agent mit Alena ins Restaurant nebenan und  kritisierte sie harsch. Sie würde nicht gut spielen und außerdem wirke sie asexuell.

 

Alena war nach diesem Treffen sehr emotional. Sie wirkte niedergeschlagen und gedemütigt. Der Agent hatte es richtig interpretiert – Alena wollte nie in seine Agentur, war deshalb auch nicht gefällig und natürlich wollte sie jede sexuelle Energie ausmerzen. Deshalb ist sie keine gute Schauspielerin? Ob er sie in seine Agentur aufnehmen würde, ließ er offen. Sie brauche auf jeden Fall noch mehr Training mit ihm.

 

Einige Wochen später sagte Alena dem Agenten ab. Er nahm es kommentarlos hin und legte auf ohne sich zu verabschieden. Wir gingen mit Alena zu einem Anwalt und beschrieben den Fall. Natürlich kam heraus, dass man in diesem Fall juristisch nichts unternehmen kann – sie habe ja alles freiwillig mit gemacht. Sie hätte ja sagen können, dass sie das nicht anziehen möchte. Wir wussten natürlich was dann geschehen wäre, denn das war es, was die erste Schauspielerin tat. Sie sagte ihm, dass sie die Szene in einer Hose spielen möchte und er sagte ihr direkt ab mit der Begründung seine Agentur sei voll – er habe eine andere gefunden. Ja, hätte er Alena angefasst während des Probetrainings wäre das eine andere Situation, aber so, bestätigte uns der Anwalt, ließe sich nichts machen.

 

Das war frustrierend für uns alle und führte mir unsere Hilflosigkeit vor Augen.

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