D | 2016 | Dokumentarfim | 78 Min.

Sprache Deu, En, Port, Khmer

Produktionsländer USA, DEU, RSA, AUS, BRA, THA

Filmemacher Jeff Arak, Roger Arnold, Gil Bartz, Susanne Bohlmann, Alexis Dominguez, George Evatt, Abigail Spindel

Logline Sie leben ihr gesamtes Leben in der Öffentlichkeit, ohne eine Tür schließen oder einen Vorhang vorziehen zu können. Vom ersten Sonnenstrahl bis um 5 Minuten nach Mitternacht begleitet der Film sechs Obdachlose bei ihrem alltäglichen Überlebenskampf in Kapstadt, Sydney, São Paulo, New York, Berlin und Bangkok. Doch es ist nicht irgendein Tag - es ist der Selbe auf sechs Kontinenten: Silvester.

Synopsis Sind die Obdachlosen dieser Welt sich ähnlicher untereinander, als die Kulturen an sich? Unterscheidet sich der alltägliche Überlebenskampf in den Straßen von Berlin von dem in New York, Kapstadt oder Bangkok? Ist ein Mensch ohne Kultur, nur weil ihm die kulturelle Teilhabe an unserer Gesellschaft verwehrt wird? Wieviel Individualismus lässt die Armut zu?Wir begleiten einen Tag lang wohnungslose Menschen. Wir sehen ihren Alltag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, folgen ihm durch die Stadt, sehen ihn essen, schlafen und kämpfen - mit sich und der Umwelt.  Doch es ist nicht irgendein Tag - es ist der Selbe überall auf der Welt - auf sechs Kontinenten: Silvester - für uns ein Synonym für Party, Freunde, Neuanfang und Zukunft - für unsere Protagonisten nur ein weiterer Tag, der überlebt werden will.
Wir verbingen 24 Stunden in „ihren Schuhen“, als Beobachter, ohne jegliche Beeinflussung oder Manipulation. Wir greifen nicht ins Geschehen ein und bleiben unsichtbar, wir sehen und hören nur zu, wir dokumentieren die Realität, so bitter sie auch sein mag.  Und im harten Schnitt zwischen Berlin, Bangkok, New York, Sao Paulo, Kapstadt und Sydney wird dieser Tag zu einer spannenden, emotionalen und realen Momentaufnahme unserer Gesellschaft. Der Voyer sind wir und das soll auch so sein. Wir beobachten Menschen, die ihren privaten Raum in der Öffentlichkeit zur Schau tragen müssen. Wir sind dazu erzogen nicht zu glotzen, höflich weg zu sehen, uns nichts anmerken zu lassen. Wir fühlen uns unbehaglich wenn wir angebettelt werden oder auf der Strasse an einem Obdachlosen vorbei gehen müssen. Wir schauen weg, ignorieren die Worte, die von unten an uns herangetragen werden, wir vermeiden jeden Blickkontakt. Doch obdachlose Menschen - arme Menschen wollen nicht ignoriert werden. Sie wollen ihre Geschichte erzählen. Wenn man durch sie hindurch sieht, sind sie nicht exsistent - und dann verschwinden sie einfach. Jeder Mensch möchte etwas bedeuten, möchte einen Namen haben und eine Berechtigung da zu sein. In diesem Film müssen wir hinsehen. Wir lernen Maria aus New York, Pao aus Thailand, Cecil aus Kapstadt, Shirley aus Sao Paulo, Scott aus Sydney und Angelika & Ramon aus Berlin kennen und lieben. Sie alle haben ihre Geschichte und ihre Gründe, warum sie da sind wo sie sind. Es war Pech, Unglück, Krankheit und menschliches Versagen. Aber nichts ist fremd. Ihre alltäglichen Routinen scheinen unseren zu ähneln – aufstehen, waschen, essen, arbeiten. Egal, ob in der tropischen Hitze von Kapstadt oder im verschneiten Berlin – der Tag muss bewältigt werden. „Ein Tag in ihren Schuhen“ zeigt uns, dass Kulturen, Klimazonen und Herkunft uns nicht von einander unterscheiden, sondern nur die Tatsache, dass Menschen ohne Zuhause nicht feiern, wenn ein neues Jahr beginnt...

Director´s Note Jedesmal wenn ich einem Obdachlosen begegnet bin  und angebettelt wurde, fühlte ich mich schrecklich, beschämt, schuldig, unbehaglich. Ich war persönlich sauer, dass dieser Mensch so etwas in mir auslöste und ich es nicht vermeiden konnte. Ich habe mich mehr und mehr mit meiner Angst beschäftigt und mich konfrontiert.  Da ist in mir die Frage aufgetaucht, ob sich mittelose Menschen in den verschiedenen Ländern in ihrem Alltag grundsätzlich unterscheiden. Was tun sie genau den ganzen Tag und macht es einen Unterschied, ob Schnee liegt oder Temperaturen um 40 Grad herrschen. Es hat mich einfach interessiert und deshalb beschloss ich hinzusehen und zu beobachten.

Seit über 5 Jahren kommt fast tagtäglich ein Obdachloser in unsere Produktionsfirma. Da wir im Erdgeschoss arbeiten, klopft er einfach an unsere Glastür und bittet uns um Pfandflaschen. Wir geben ihm regelmässig Flaschen und manchmal etwas Kleingeld. Sein Name ist Michael und er ist 37 Jahre alt, obwohl seine Erscheinung ihn mindestens 15 Jahre älter macht. Er hat einen vollen Rauschebart, eine Halbglatze und lange, ungepflegte Fingernägel. Er läuft den ganzen Tag, egal bei welchem Wetter, durch die Kölner Südstadt und hat immer eine Flasche Bier in der Hand. Er scheint in einer anderen Welt zu leben. Manchmal kommt er herein, lacht und redet wirr, aber amüsant und manchmal wirkt er müde und desorientiert. Eines Tages stand er auf einmal in unseren Büroräumen und hatte offenbar einen Friseurbesuch hinter sich. Er war rasiert und seine Haare und Nägel wirkten gepflegt. Es war irritierend, denn auf einmal sahen wir den anderen Michael. Denjenigen, der einmal in dieser Gesellschaft lebte und vielleicht sogar eine Arbeit und eine Familie hatte. Er selbst fühlte sich offenbar sehr unwohl, geradezu nackt ohne Bart.

Natürlich war es oft ein Thema bei uns, denn Michael erinnerte uns tagtäglich an die Menschen, die ausserhalb unserer Gesellschaft leben. Sie begegnen uns überall, sitzen vor Supermärkten und Banken – sie sprechen uns an – verkaufen uns Zeitungen. Man fühlt sich unwohl in ihrer Gegenwart – schuldig – konfrontiert mit einem Thema, welches man lieber ausblenden möchte.

Wir beschäftigen uns seit Jahren mit dem Thema Armut. Wir sprechen oft mit Obdachlosen, denn uns interessiert deren Hintergrund. So haben wir auch Stergios aus Griechenland kennen gelernt. Er kam vor einem Jahr nach Deutschland und hoffte auf Arbeit, doch es war schwieriger, als gedacht. Sein Studienabschluss in Wirtschaft zählt hier nicht und auch Geld für Deutschunterricht hat er keines. Schnell landete er auf der Strasse. Seiner Mutter hat er erzählt er hätte hier Arbeit gefunden – zu groß ist die Scham. Er sammelt Pfandflaschen und manchmal sitzt er vor REWE und hofft auf Spenden oder etwas zu Essen. Sein Traum wäre es hier Arbeit zu finden und dann stolz nach Griechenland zurück kehren zu können.
Einsamkeit, Depression,körperlicher Abbau , Hoffungslosigkeit & Scham spielen eine große Rolle beim Thema Armut.

Ich muss gestehen der Dreh war hart - beim Filmen fühlte man sich irgendwie schlecht - hat man selbst doch so ein komfortables Leben im Gegensatz zum ihnen. Als wir fertig waren, sind wir in unser warmes Zuhause, in unser trockenes Bett und in unser sicheres Leben zurück gegangen. Unsere Protagonisten konnten das nicht...Mein Blick auf obdachlose Menschen hat sich komplett gewandelt. Selbst wenn ich kein Kleingeld habe, schaue ich der Person in die Augen und sage etwas freundliches. Das hat der Film in mir ausgelöst.


 

Protagonisten

Cecil / Afrika Cecil lebt in Kapstadt und ist 28 Jahre alt. Als Kind ging er auf eine Schule in Kapstadt. Diese war weit entfernt von seiner Familie. Nach seinem Abschluss wollte er zurück zu seinen Eltern und seinen Brüdern. Doch die finanzielle Situation war schlecht. Jeder kämpfte ums Überleben und gegeneinander. Als die Gewalt überhand nimmt flieht Cecil zurück nach Kapstadt. Doch er hat nichts.

 

Shirley / Südamerika  Shirley kommt aus Sao Paulo und lebt seit 35 Jahren auf der Strasse. Sie ist 52. Sie hat drei Töchter, die sie regelmässig besuchen. Shirley hatte in jungen Jahren angefangen Drogen zu nehmen und Alkohol zu trinken. Sie brauchte Geld um ihre Sucht zu finanzieren, also prostituierte sie sich und stahl. Sie landete 9 Mal im Gefängnis. Sie überließ ihr Zuhause ihren Töchtern und zog auf die Strassen. Sie schämte sich so sehr und wollte keine Last sein. Nun zieht sie mit einem großen Holzkarren und ihren vier Straßenhunden durch die Stadt und versucht mit Werkstoffen, die sie sammelt und zum recyclen bringt ein bisschen Geld zu verdienen.

Maria / Nordamerika Maria lebt auf den Straßen von New York. Sie hatte einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt. Doch nach acht Jahren wurde ihr und der Hälfte ihrer Kollegen aus wirtschalftlichen Gründen gekündigt. Sie konnte ihre Miete nicht mehr zaheln und der Vermieter hat sie dann gewaltsam vor die Tür gesetzt. Maria versucht jeden Tag einen Job zu finden, doch ohne festen Wohnsitz ist das fast unmöglich, sagt sie. Sie hat einen Freund, der ebenfalls obdachlos ist. Sie nennt ihn Angel. Sie schläft in einem Internetcafe, denn dieses hat die ganze Nacht geöffnet.
 

Scott / Australien Scott war Schauspieler in Sydney. Er spielte im Theater und als er eine TV-Rolle ergattern konnte, fühlte er sich wie eine „beweihräucherte Prostituierte“. Er verliebte sich in Greta, die ihm Klavierspielen beibrachte. Scott konnte sich nicht mit der Monotonie und den sozialen Konventionen des normalen Lebens abfinden, also fing er mit Reisen an. Er reiste durch Australien und dann durch Europa. Als er zurück nach Sydney kam, hatte Greta einen Schlaganfall und konnte nicht mehr sprechen. Sie starb ein Jahr danach. Zutiefst traurig und schuldig kehrte Scott zu seiner Mutter zurück und lebte dort viele Jahre, bis sie starb. Seine Tante sowie sein Hund starben kurz darauf. „Anstatt einen Country oder Western Song zu schreiben“ stürtze sich Scott in Alkohol. Wenn man sich diesen mageren, fragilen Mann anschaut, ist es kaum vorzustellen, aber seine 70 wurden schnell zu 120 Kilo. Scott fing daraufhin ein weiteres Mal an zu reisen, um seiner Sucht zu entfliehen.
Als er zurück nach Sydney kam, hatte er nichts. Er übernachtete bei Freunden auf der Couch, bis die Geduld und das Mitleid aufgebraucht war. Nun ist er alleine und obdachlos.

 

Pao / Asien Pao wurde in Kambodscha geboren aber zog schon in jungen Jahren nach Bangkok. Genau erinnern kann sie sich aber nicht. Heute ist sie 37 Jahre alt und hat einen sechsjährigen Sohn, sowie eine Tochter im Teenager Alter. Pao hat Aids. Sie bettelt, um ihre Familie mit Essen und Kleidung zu versorgen. Pao stammt aus einem kleinen Dorf und ihre Familie war sehr arm. Sie hatten nie genug Essen. Also musste jeder, selbst als kleines Kind, Geld für Essen beschaffen und für sich selber sorgen.
 

Ramon und Angelika / Europa Ramon und seine Mutter wohnten in einer kleinen Wohnung in Berlin Hohenschönhausen. Ramons Vater war schwerer Alkoholiker und schlug seinen Sohn und seine Frau immer wieder krankenhausreif. Dann verschwand er eines Tages spurlos. Angelika hatte mehrere Nebenjobs und versuchte sich und ihren Sohn durch zu bringen. Doch es gab Schimmel in der Wohnung und somit mussten sie raus. Es sollte nur übergangsmässig sein, doch nun leben sie schon seit fünf Monaten im Treptower Park unter einer Plane.

 

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